| A. Allgemeiner
Teil
Von Dr. med. univ. Peter H. Lauda
Was ist Oxidativer Stress?
Im menschlichen Körper
entstehen in jeder Zelle während der Stoffwechselprozesse, aber
vor allem auch Umweltschadstoffe und –gifte wie Schwermetalle,
Feinstäube, Lösemittel und durch übermäßigen
Konsum von Zigaretten und Alkohol sogenannte „Freie Radikale“.
Freien Radikalen fehlt ein Elektron und sie sind immer bestrebt, dieses
fehlende Elektron einem anderen Molekül zu entreißen. Dabei
entstehen immer neue Radikale und es kommt in einer Kettenrektion zur
stetigen Vermehrung der Radikale im Körper.
Infolge dieser Kettenreaktion entsteht der oxidative Stress, also ein
ZUVIEL an Freien Radikalen.
Des Weiteren können
Freie Radikale Blutgefäße angreifen und mit dem Zellkern
und der Erbinformation (DNS) reagieren, was Mutationen - Veränderungen
der genetischen Information - zur Folge haben kann. Diese Veränderungen
stellen einen der ersten Schritte in der Krebsentstehung auf molekularer
Ebene dar!
Freie Radikale - oxidativer
Stress - schädigen
• Aminosäuren,
Proteine, Eiweiß, DNS [2, 3]
• Fettsäuren [1, 2, 3]
• Kohlenhydrate [3]
• Kollagen [3]
• Elastin [3]
• Mukopolysaccharide [3]
• Lipide, aus denen die Zellmembranen und andere Organellen wie
Mitochondrien - die Kraftwerke unserer Zellen - sowie Lysosomen gebaut
werden [1, 2, 3]
Freie Radikale - oxidativer Stress - erhöhen das Risiko für
zahlreiche Erkrankungen
• Arteriosklerose [1]
• Krebs [1]
• Rheumatische Erkrankungen [1]
• Herzinfarkt, Schlaganfall [1]
. Demenz, Alzheimer, Parkinson
• Entzündungen sowie Störungen des Immunsystems [1]
. Infektanfälligkeit, Müdigkeit
• Grauer Star – Katarakte, Augenkrankheiten [1]
• Diabetes mellitus - Folgeerkrankungen [1]
• Vorzeitige Alterungsprozesse [1]
. Leber- und andere Organschäden [1]
. usw.
Wichtig zu wissen ist, dass
das Ausmaß der Schädigungen von Zellwänden, Proteinen,
Fettsäuren, DNS, etc. in menschlichen Zellen und deren Bestandteilen
durch Oxidativen Stress durch spezielle Laboranalysen exakt analysiert
und, als Konsequenz daraus, durch die gezielte Gabe von Mikronährstoffen
und anderen Anti-Oxidantien behandelt werden kann. Da oxidativer Stress
immer mehr als das „gemeinsame“ Prinzip von Krankheit wissenschaftlich
erkannt wird im Sinne einer komplexen biochemischen „Entgleisung“
bietet diese spezielle Labordiagnostik und Therapie einen Ansatzpunkt,
Krankheiten in einem noch sehr frühen Stadium zu erfassen und zu
behandeln im Sinne einer noch korrigierbaren, biochemischen Funktionsstörung,
also noch lange bevor der Patient/Patientin Symptome spürt und
sich selbst zu diesem frühen Zeitpunkt üblicherweise noch
„völlig gesund“ fühlt.
Folgende LABORANALYSEN im Blut und Harn, die üblicherweise von
einem Arzt angeordnet werden, sind zur Bestimmung eines kleinen Nährstoff-
bzw. Oxidativen Stress-Profiles sinnvoll und haben sich auch in der
täglichen Praxis bewährt:
TAS (Total-AntiOxidant-Status)
Malondialdehyd MDA, Hydroxynonenale HNE,
8-Hydroxy-Deoxy-Guanosin 8-OH-DG (oxidative Schädigungen der Erbsubstanz
DNA)
F2 Isoprostane (wichtigster Marker Lipidoxidation!)
Nitrotyrosin (oxidative Schädigungen von Proteinen u. Aminosäuren;
Nervenzellen)
Vitamin C, Vitamin E, Beta Carotin, Vit. D3,
Zink, Selen, Kupfer (Vollblut)
GSH Glutathion intrazellulär
Glutathion - S - transferase theta (Entgiftung)
Aufgrund der Laborbefunde
sowie einer ausführlichen Anamnese (Arztgespräch) sowie körperlichen
Untersuchung ist es dem Arzt dann möglich, den Versorgungsstatus
mit Mikronährstoffen wie Vitaminen, Spurenelementen, Aminosäuren,
etc. zu beurteilen und bei Mangelzuständen entsprechende, qualitativ
hochwertige, Präparate zu verordnen. Von einer Selbstmedikation
mit Vitaminpräparaten, also einer Einnahme nach „Guttünchen“,
ist generell abzuraten.
Diese speziellen Laboranalysen werden bei den allgemein üblichen
Laboruntersuchungen in der Regel nicht durchgeführt.
Freie Radikale haben aber auch ihre „guten“ Seiten - in
gewissem Maße können sie auch von Nutzen für die Gesundheit
sein, beispielsweise bei der Immunabwehr. Auch aufgrund diese Faktums
ergibt sich bereits, dass Anti-Oxidantien nie ohne entsprechende Laboranalysen
bzw. ohne ärztlicher Anordnung, quasi nach „Guttünchen“,
eingenommen werden sollen. Eine solcherart unkontrollierte Einnahme
kann u.a. das Immunsystem schädigen und schwächen.
Generell ist vor einer Einnahme von Mikronährstoffen und Anti-Oxidantien
ohne vorherige Konsultierung eines Arztes abzuraten, vor allem auch
im Falle einer Krankheit!
Anti-Oxidantien
Antioxidantien sind Mikronährstoffe, die in der Lage sind, die
Freien Radikale abzufangen und somit deren schädigende Einflüsse
auf den menschlichen Organismus und seine Organe zu unterbinden.
Zu den Mikronährstoffen gehören unter anderem Vitamine, Mineralstoffe,
Spurenelemente, Aminosäuren, Fettsäuren, sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe,
etc.
Der menschliche Körper
verfügt über eine Vielzahl an Schutzmechanismen gegenüber
Oxidativem Stress und auch eine größere Zahl „körpereigener“
Anti-Oxidantien wie z.B. Cholesterin, Harnsäure und Bilirubin.
Bei erhöhten Werten im Routinelabor sollte deshalb auch Oxidativer
Stress als Ursache in Betracht gezogen werden.
Literaturverzeichnis
1. Biesalski, H. K.; Köhrle, J.; Schümann, K.
Vitamine, Spurenelemente und Mineralstoffe. 50 - 56, 265 - 267, 269
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Georg Thieme Verlag; Stuttgart/New York 2002
2. Dietl, H.; Ohlenschläger,
G.
Handbuch der Orthomolekularen Medizin. 25 - 30,
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Karl F. Haug Fachbuchverlag; September 2004
3. Schmidt, Dr. med. Edmund,
Schmidt, Nathalie
Leitfaden Mikronährstoffe. 13 - 88, 96 - 363, 370 - 382, 408 -
413, 442 - 448, 499 - 512, 640 - 659
Urban & Fischer Verlag; München, Februar 2004
Die große Bedeutung der Anti-Oxidantien für die Gesundheit
der Menschen wird auch dadurch dokumentiert, dass zwischenzeitlich auch
renommierte Pharmafirmen eigene Präparate mit Anti-Oxidantien vertreiben
wie zB. Novartis mit einem Kombinationspräparat mit verschiedenen
anti-oxidativen Mikronährstoffen zur Behandlung von bestimmten
Augenkrankheiten.
Es gibt eine große
Zahl an seriösen Studien, die eindeutig zeigen, dass erniedrigte
Vitaminspiegel im Blutserum als Ausdruck von Vitaminmangel einen wesentlichen
Risikofaktor für Krankheiten sind, wie z. B. für Erkrankungen
des Herz-/Kreislaufsystems ( Simon, 1999). Niedrige Spiegel an Vitamin
C und alpha-Carotin sind assoziiert mit Asthma bronchials beim Kind
(Harik-Khan 2004). Ähnliche biochemische Interaktionen zwischen
Asthma beim Jugendlichen und den Serumspiegeln von Anti-Oxidantien fanden
die Wissenschafter Rubin und Kollegen von der Cornell Universität
in New York 2004.
Mehrere Studien haben gezeigt, dass Mikronährstoffe wie CDP-Choline,
L-Acetyl-Carnitin und Coenzym Q10 in der Behandlung von neurodegenerativen
Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson und Demenz eingesetzt werden können
(Piccoli 1994, Salvioli 1994, Shults 2002).
Feinstaub schädigt die
Lungen und das Herz-Kreislaufsystem vor allem durch Oxidativen Stress
und damit zusammenhängende Entzündungsreaktionen
( Donaldson 2002, Li 2002).
Belastungen mit Umweltschadstoffen
wie z. B. giftige Schwermetalle spielen ebenfalls eine Rolle in der
Entstehung und Voranschreiten von Krankheiten. Eine große Untersuchung
von Simon und Kollegen von der Universität in San Francisco, Kalifornien,
durchgeführt in den Jahren 1988 bis 1994 bei 15365 Erwachsenen
und 4213 Kindern und Jugendlichen konnten einen klaren Zusammenhang
zwischen dem Blutspiegel von Vitamin C und der Bleibelastung nachweisen:
Je höher der Vitamin C Spiegel, umso niedriger der Bleispiegel
im Blut. In früheren Studien konnte bereits dokumentiert werden,
dass oral verabreichtes Vitamin C das Risiko von körperlichen Schädigungen
durch das giftige Blei senkt.
Eine Untersuchung der Universität von Kuopio in Finnland an 1014
Männern im Alter zwischen 42 und 60 Jahren fand einen Zusammenhang
zwischen Belastungen mit dem ebenfalls giftigen Quecksilber sowie dem
Voranschreiten der Arterienverkalkung (Salonen 2000).
Oxidativer Stress, Mangel
an Vitaminen, Anti-Oxidantien und anderen Mikronährstoffen sowie
Belastungen mit Umweltschadstoffen können eine Rolle in der Entstehung
von Symptomen und Krankheiten spielen, ebenso wie ein falscher Lebensstil
in Form von Bewegungsarmut, qualitativer und quantitativer Fehlernährung
sowie gestörtem seelischen Gleichgewicht.
Im Rahmen einer optimalen Gesundheitsförderung müssen auch
diese Faktoren berücksichtigt und ggf. optimiert werden.
Zur Untersuchung und Beurteilung eines Mangels an Mikronährstoffen
sind entsprechende Laboranalysen im Blut und Harn empfehlenswert.
A. Spezieller Teil
Von Dr. med. univ. Peter
H. Lauda
Freie Radikale sind Atome
und Moleküle mit einem ungepaarten Elektron, die Halbwertszeit
der meisten Radikale beträgt nur einige Mikro- oder Millisekunden.
Sie sind, chemisch gesehen, sehr instabil, hochreaktiv und reagieren
mit den sie umgebenden organischen und anorganischen Verbindungen. Dabei
entstehen meistens wieder neue Radikale (Kettenraktion). Sauerstoffradikale
zerstören auf diese Art wichtige Zellstrukturen (Phospholipide),
Proteine und Nukleinsäuren.
Für das biochemische Verständnis der Physiologie und Pathophysiologie
der Freien Radikale sind vor allem vier Begriffe von besonderer Bedeutung:
Redoxsubstanz, Redoxpotential/Redoxsysteme, Reduktion und Oxidation.
Mikronährstoffe sind Redoxsubstanzen, d.h., entsprechend ihrer
Stellung im Redoxsystem können sie oxidierend und/oder reduzierend
(anti-oxidativ) wirken. Das Redoxpotential ist ein Maß dafür,
ob eine Substanz oxidierend oder reduzierend wirkt, es wird als elektrische
Spannung in Volt angegeben. Eine Substanz mit dem positiveren (bzw.
negativeren) Potential ist eher in der Lage eine andere Substanz mit
dem negativeren (bzw. positiveren) zu oxidieren (bzw. reduzieren) (Tab.
1).
EO (Millivolt) System
+2300 OH* - Radikal
+2000 O3 - Ozon
+2000 CI Chlor
+1300 ONOO*
+ 820 O2 / H2O
+ 386 basisches Millieu Selenit
+ 300 Vitamin E
+ 100 Coenzym Q 10
+ 80 Vitamin C
+/- 0 Flavonoide (+ 160 bis - 20mV)
- 120 Vitamin B 2
- 220 Cystein
- 230 Glutathion
- 290 Thioctsäure
- 340 Nicotinsäureamid
- 670 Succinat / alpha-Ketoglutorat
- 740 saueres Millieu Selenit
Tab. I Redoxsysteme
Die genaue Kenntnis der Redoxsysteme ist bei der Gabe von Anti-Oxidantien
grundlegend! Jedes Vitamin kann demnach reduzierend, aber auch, unter
bestimmten Bedingungen, oxidierend wirken. Vitamine weisen also eine
Redoxkaskade entsprechend ihrer Redox-Potentiale auf, sie reicht von
etwa +110 mV (Vit. E) bis -340 mV (Nikotinsäureamid). Wenn zum
Beispiel Vitamin E durch die Reduktion (Neutralisation) eines Radikals
selbst zum Tocopheryl-Radikal umgewandelt wird, kann dieses wiederum
durch Coenzym Q10 reduziert (regeneriert) werden. CoQ 10, ein amphiphiles
Anti-Oxidans mit einem niedrigeren Redox-Potential
(+ 100 mV) „recycelt“ gleichsam Vit. E. Es bleibt dadurch
dem Körper erhalten, da es ohne dieses „Redox-Recycling“
ausgeschieden werden würde. CoQ 10 ist außerdem imstande,
Radikale aus dem lipophilen in das wässrige (hydrophile) Kompartiment
zu überführen, wo dann wasserlösliche Anti-Oxidantien
den Elektronentransport übernehmen.
Der Körper macht sich
das enorm zerstörerische Potential der Freien Radikale vor allem
im Rahmen von Abwehr- und Schutzreaktionen zunutze, Freie Radikale sind
somit für das Überleben des Gesamtorganismus von elementarer
Bedeutung. Das Hydroxylradikal zum Beispiel ist aufgrund seines enorm
hohen oxidierenden Potentials von +2300 mV imstande, Viren, Bakterien,
Tumorzellen usw. im wahrsten Sinne des Wortes zu verbrennen.
Oxidative und reduktive Vorgänge
sind somit elementare biochemische Reaktionen im (physiologischen) Intermediärstoffwechsel
der Zelle. Dabei entstehen unter anderem die hochreaktiven und wegen
ihrer Toxizität für den Menschen besonders bedeutsamen Sauerstoffradikale.
Im englischen Schrifttum hat sich für Radikale, die vom Sauerstoff
stammen, der Begriff ROS (Reactive Oxygen Species) durchgesetzt
(Tab. 2).
Wasserstoffsuperoxid H2O2;
HO-OH (noch kein Radikal, aber Quelle aller übrigen O-Radikale)
Hydroxylradikal HO.
Superoxidradikal HO-O.
Superoxidanion O2.-
Nitoxylradikal NO.
Fettsäureperoxidradikal R-OO.
Perhydroxylradikal HO2.
Tab. 2 ROS
Bei der Entstehung von Freien Radikalen kann zwischen endogenen und
exogenen Ursachen unterschieden werden. Endogene Radikalbildner sind
vor allem die Atmungskette, oxidative Enzyme und Granulozyten (kontrollierte
Entzündungsreaktionen). Exogene Radikalbildner sind insbesondere
Umweltgifte (Xenobiotika) wie Blei, Cadmium, Quecksilber, Organochlorpestizide,
Herbizide, Stickoxide, Ozon, Smog, Abgase und Feinstäube aus Straßenverkehr
und Industrie, Zigarettenrauch, Röntgen- und UV-Strahlung sowie
eine Vielzahl von Arzneimitteln (z.B. Antibiotika, Kontrazeptiva, Paracetamol,
Zytostatika).
Freie Radikale spielen einerseits bei vielen Abwehr- und Schutzreaktionen
im Organismus eine wesentliche Rolle, sie sind absolut lebensnotwendig
(Abtötung von Bakterien und Viren, Eliminierung entarteter Zellen,
usw.). Andererseits, können sie, unter bestimmten Bedingungen,
auch körpereigene Strukturen angreifen und schädigen. Dieser
Zustand, als Oxidativer Stress bezeichnet, wird mit einer Vielzahl von
Symptomen, Syndromen und Krankheiten in Verbindung gebracht. Oxidativer
Stress ist die vor allem auch die Ursache für die meisten der heute
bekannten Zivilisationskrankheiten wie z. B. Arteriosklerose, Herzinfarkt,
Krebs, Rheuma und Alzheimersche Krankheit (Tab. 3).
• Karzinome, Tumoren
• Atherosklerose, Arteriosklerose, Infarkt
• Arthrose, Chron. Gelenksentzündungen, Rheuma
• Lungenkrankheiten (Asthma bronchiale, COPD, etc.)
• AIDS
• Neurodegenerative Erkrankungen des ZNS (Multiple Sklerose, Mb.
Parkinson, Demenz, Alzheimer)
• Neurootologische Erkrankungen
• Fibromyalgie, div. Schmerzsyndrome (Weichteile, Kopf, Rücken)
• Vorzeitige Alterungserscheinungen (Haut, Gehirn, Auge, etc.)
• Chronische Müdigkeit CFS, MCS
• Katarakt, Makuladegenerationen (AMD)
• Leberschäden
• Allergien
• Chronisch entzündliche Erkrankungen (z. B. Colitis ulcerosa)
• Hautkrankheiten, -irritationen, Ekzeme, Haarausfall
• Ischämie, Hypoxie, Schock, Reperfusionsschaden
• Sepsis, SIRS
• ARDS
Tab. 3 Radikal-assoziierte Symptome und Krankheiten
Aufgrund der enormen Reaktivität
und Agressivität von Freien Radikalen mit der Fähigkeit, sämtliche
biologische Strukturen in der Zelle zu attackieren und zerstören,
besitzt die Zelle ein ausgeklügeltes Abwehr- und Schutzsystem dagegen.
Es kann in primäre, sekundäre und tertiäre Anti-Oxidantien
eingeteilt werden. Primäre Anti-Oxidantien verhindern die Neubildung
von Freien Radikalen, während sekundäre neugebildete Radikale
eliminieren bzw. unschädlich machen. Tertiäre Anti-Oxidantien
reparieren Zellschäden (Tab. 4).
Primäre Anti-Oxidantien:
Glutathion-S-Transferasen GST, Glutathion - Peroxidase GPX,
Glutathionreduktase GR, Catalase CAT, Superoxiddismutase SOD, Transferrin,
Ferritin,
Caeruloplasmin, u.a.
Sekundäre Anti-Oxidantien: Tocopherole (Vit. E), Askorbinsäure
(Vit. C),
Beta-Carotin, Alpha-Liponsäure, Taurin, Harnsäure, Cholesterin,
Bilirubin, Albumin, u.a.
Tertiäre Anti-Oxidantien: Methionin-Sulphoxid-Reduktase, DNA- Reparaturenzyme,
u.a.
Tab. 4 Anti-oxidatives Schutzsystem der Zelle
Eine weitere gebräuchliche
Einteilung anti-oxidativer Substanzen bzw. Systeme ist jene in Enzymatische
und Nichtenzymatische.
Die Metalle Eisen, Kupfer, Chrom und Vanadium induzieren oxidative Schädigungen
in erster Linie durch Fenton-artige Reaktionen mit Produktion von Superoxidanion
(O2.-) und Hydroxylradikalen (HO.).
Hydroxylradikale initiieren
unter anderem die Lipidperoxidation, ein wesentlicher pathophysiologischer
Mechanismus in der Atheroskleroseentstehung. Der erste Schritt ist dabei
die Oxidation von LDL, das reich an Cholesterin und mehrfach-ungesättigten
Fettsäuren (PUFA) ist. Zum anti-oxidativen Schutzsystem der empfindlichen
Zellmembranen gegen oxidative Schäden gehören alpha-Tocopherol,
gamma-Tocopherol, Beta-Carotin, Lycopin, Cryptoxanthin, Cantaxanthin,
Phytofluen und Coenzym Q10. Der österreichische Biochemiker Hermann
Esterbauer, ein Pionier der Radikal- und Anti-Oxidantien-Forschung mit
Weltruf, hat schon vor vielen Jahren auf diese Zusammenhänge hingewiesen
(1, 2, 3).
Oxidativer Stress tritt vor allem dann auf, wenn die Eisenreserven in
den Organen relativ hoch sind. Eisen spielt deshalb eine so bedeutende
Rolle, weil es das natürlich gebildete Wasserstoffsuperoxid bereits
in katalytischen Spuren in die sehr aggressiven Hydroxylradikale umwandelt.
Viele Pflanzeninhaltsstoffe behindern die Eisenresorption im Darm oder
bilden inaktive Eisenkomplexe in den Zellen. Diese Schutzfunktion vor
Eisenüberladung ist einer der biochemischen Erklärungen, warum
Obst und Gemüse gesund sind und deshalb die Grundlage der menschlichen
Ernährung sein sollten. Dunkles Fleisch hingegen enthält viel
leichtresorbierbares Häm-Eisen und sollte deshalb nur noch bei
Eisenmangel regelmässiger Bestandteil der Ernährung sein!
Niedrige Eisenvorräte wirken somit in hohem Maße kranheitspräventiv!
Es ist wiederum das Verdienst eines Biochemikers, und zwar des Schweizers
Felix Kieffer, auf diese Gefahren einer Eisenüberladung hinzuweisen
(4).
Bei Eisenüberladung
kann zusätzlich auch Vitamin C Oxidativen Stress induzieren, da
es an Ferritin gebundenes Eisen (Fe3+) zu prooxidativem Fe2+ reduziert.
Schon aus diesem Grund ist die Verabreichung von Ascorbinsäure
(Vit. C) ohne vorherige Analyse des Vitamin C - Spiegels im Serum sowie
des Eisenstatus nicht empfehlenswert. Podmore et al. fanden, daß
Dosen über 500mg/d Ascorbinsäure bei gesunden Probanden zu
Schäden am Erbgut führen können, erkennbar am Anstieg
des 8-Oxoadenin aus DNA von Lymphozyten (5).
Aufgrund der komplexen biochemischen
Abläufe und der vielfältigen gegenseitigen Wechselwirkungen
ist es generell nicht vertretbar, Mikronährstoffe und Anti-Oxidantien
„blind“ zu geben, d.h. ohne vorherige Laboranalysen etwaiger
Defizite im Blut (Serum, intrazellulär) und Harn.
• Vitamine
• Mineralstoffe
• Spurenelemente
• Aminosäuren
• Fettsäuren
• Pflanzeninhaltsstoffe
• andere
Mikronährstoffe
Glutathion ist ein Tripeptid,
bestehend aus den Aminosäuren Glutamin, Glycin und Cystein. Abgekürzt
mit GSH bezeichnet SH die reduzierende Sulfhydrylgruppe, ein wichtiger
Elektronendonator. Durch die Prostitution dieser SH-Gruppe ist es an
der Entgiftung von Pilztoxinen (Aflatoxinen), Aldehyden, aromatischen
Kohlenwasserstoffen und Pestiziden, insbesondere der höchsttoxischen
Epoxide, beteiligt. Dabei entsteht oxidiertes Glutathiondisulfid GSSG,
das durch NADPH zu GSH rückreduziert wird. Optimalerweise sollte
GSSG kleiner als 10% des Gesamtglutathions sein. GSH wird vor allem
als Konjugationsfaktor verbraucht und spielt eine Rolle im Thiol-Austauschsystem.
Glutathion ist beim Menschen die wichtigste reduzierende Substanz in
der Zelle . Jede Zelle mit einem ausreichendem Gehalt an Glutathion
ist infekt-, toxin-, umwelt- und krankheitsresistent. Die Ursachen,
die zu Glutathionmangel führen können, sind vielfältig.
Glutathiondefizite entstehen unter anderem bei „blinder“
Gabe von Anti-Oxidantien und anderer Mikronährstoffe, also ohne
vorherige Durchführung von entsprechenden Laboranalysen(Tab. 5).
• Chronische, ”blinde” Überdosierung anti-oxidativer
Vitamine und
Mikronährstoff (reduktiver Stress / biliäre GSH-Verluste)
• Mangel an Glycin, Glutamin, Cystein (Methionin)
• Glutaminmangel bei PCB-Belastung
• Vit. B2-Mangel
• Schwermetallbelastung (Pb, Cd, Hg)
• Azidose
• Xenobiotika-Entgiftung
• Flavonoidarme Ernährung
• Defizite an Vitaminen (z.B. C,E) u. anderer Anti-Oxidantien
Tab. 5 Ursache von GSH-Defiziten
Glutathiondefizite spielen
eine wichtige Rolle bei der Pathogenese von Karzinomen, Infektionen,
neurodegenerativen Erkrankungen und Auswirkungen von Xenobiotikabelastungen.
Bei nachgewiesenen Defiziten an GSH kann es effektiv durch die Gabe
von Prekursoren wie Alpha-Liponsäure, Acetyl-Cystein, Silymarin
(Milch der Mariendistel) und Methionin (S-Adenosyl-Methionin) regeneriert
werden. Oral oder parenteral zugeführtes Glutathion selbst scheint
wirkungslos zu sein.
Silymarin stimuliert außerdem die hepatische Proteinsynthese und
fördert damit die Regeneration und Ersatz geschädigter Leberzellen,
was insbesondere bei Hepatitis und Zirrhose von Bedeutung ist.
Der labormäßigen
Diagnostik des Glutathionsystems im Rahmen des Oxidativen-Stress-Profils
ist von besonderer Bedeutung, dessen Analytik darf auch bei keiner umweltmedizinischen
Diagnostik oder auch beim Karzinompatienten fehlen (6,7,8,9,10,11,12,13,14)!
Eine grundlegende Funktion
der Zelle ist die Entgiftung von Schadstoffen (Tab. 6).
Xenobiotika, Medikamente usw. werden in der Phase-I-Reaktion durch Oxidation,
Reduktion oder Hydroxylierung über die Cytochrom-Mischoxidasen
metabolisiert, dabei entstehen häufig hochtoxische, radikalische,
elektrophile Metabolite wie die Epoxide. Dieser Vorgang wird auch als
Giftung bezeichnet. In der anschließenden Phase II werden über
Acetylierung, Sulfatierung und Konjugation die Metabolite an Aminosäuren,
Glucuronsäure und Glutathion gekoppelt und aus dem Körper
ausgeschieden (Glutathion-S-Transferasen GST, N-Acetyl-Tranferase NAT
2).
Die Aktivität der GST’s korrelieren meist direkt mit der
intrazellulären GSH-Konzentration!
• Detoxifikation Phase
I + II (Detox-Test, Coffeinmetaboliten)
• Cytochrome-P 450 CYP 1A2, CYP 2A6
• N-Acetyltransferasen NAT2, Sulfatransferasen, Xanthinoxidase
XO
• Benzoatclearance BCL, Glucarsäure GLC
ggf. Gentest bei V.a. NAT 2- bzw. GST-Polymorphismus (Nulltyp)
Tab. 6 Labordiagnostik Detoxifikation
Die Glutathion-S-Transferasen sind eine Gruppe multifunktioneller Isoenzyme,
sie detoxifizieren Biocide, Phase I-Metaboliten, polyzyklische aromatische
Kohlenwasserstoffe, Ethylenglykole, Polychlorierte Biphenyle PCB, Aflatoxine
und andere Xenobiotika. Es existieren vier verschiedene Hauptformen:
GST-alpha, GST-mu, GST-pi und GST-theta mit unterschiedlicher, zum Teil
überlappender Substratspezifität. GSTs kommen sowohl im Cytosol
als auch im endoplasmatischen Retikulum der Zellen vor und werden gewebsspezifisch
exprimiert. Die höchsten Aktivitäten findet man in der Leber,
Dünndarm, Niere, Nebenniere und Hoden. Klinisch wichtig ist, daß
es bei der GST-mu, GST-pi und GST-theta Defektvarianten mit eingeschränkter
bzw. sogar fehlender Enzymaktivität gibt (Polymorphismus). Menschen
mit diesen genetisch determinierten Polymorphismen haben ein deutlich
erhöhtes Erkrankungsrisiko, vor allem bedingt durch eine besondere
Susceptibilität gegenüber Xenobiotika. Dies ist auch eine
der Erklärungen dafür, warum es individuelle Unterschiede
bei der Erkrankungswahrscheinlichkeit durch Schadstoffe gibt. Durch
einen Gentest können diese Polymorphismen untersucht werden.
Interessant ist, daß durch Myristicin, ein sekundärer Inhaltsstoff
der Petersilie, die Aktivität der GST-mu 4-14 fach induziert werden
kann. Eine biochemische Erklärung, warum Petersilie bekanntermaßen
gesund ist.
Bereits 1993 empfahl ein
Expertengremium der WHO im „Internationalen Programm on Chemical
Safety (IPCS)“, bei Chemikaliensensitiven den Genpolymorphismus
zu untersuchen (15). Als Susceptibilitätsmarker anerkannt wurden
aus der Phase I die Aryl-Hydrocarbon-Hydroxylase (CYP 1A1, 2E1) sowie
die Debrisoquin-4-Hydroxylase (CYP 2D6) und aus der Phase II die Glutathion-S-Transferasen
(GST) m, p, Theta (M1, Pi, T1) sowie die N-Acetyltransferase. Diese
Empfehlungen sollten in der täglichen Praxis, insbesondere auch
bei arbeitsmedizinischen Untersuchungen, beachtet werden!
Kuklinski stellt fest, daß
die Mehrheit der Deutschen zu den „schwachen“ Entgiftern
gegenüber neuzeitlichen Xenobiotika-Belastungen im häuslichen
und beruflichen Umfeld gehören. Eigene Erfahrungen belegen, daß
dies in ähnlicher Weise auch für Österreicher zutrifft.
Bei „schicksalshaften“ Krankheiten muß den Gründen
nachgegangen werden. Bei Personen mit Gendeletionen der GST gibt es
keine Richt-, Grenz- und Toleranzwerte von Schadstoffen am Arbeitsplatz
oder in der Wohnung. Literaturdaten über biologische Halbwertszeiten
einzelner Xenobiotika müßen gleichfalls korrigiert werden,
da sie den Enzympolymorphismus, insbesondere den von Zwei- oder Dreifach-Gendeletionen
der GST, nicht berücksichtigten (16).
Die Diagnostik anti-oxidativer
Enzyme wie der GST, Glutathionperoxidase GPx, Katalase CAT und Superoxiddismutase
SOD darf bei keiner Untersuchung fehlen (17,18,19)! GPx, CAT und SOD
können die besonders gefährlichen ROS quenchen und dadurch
unschädlich machen. Eine Veränderung im Aktivitätsmuster
dieser Enzyme spielt in der Pathogenese des Magencarcinoms in Zusammenhang
mit H. pylori eine wichtige Rolle. Smoot et al. fanden dabei einen Aktivitätsanstieg
der GPx, CAT und SOD bei gleichzeitiger Reduktion des 8-OH-dG. 8-OH-2’-Deoxyguanosin
ist Hauptmetabolit der zellulären und mitochondrialen DNA-Oxidation
nach Schädigung durch ROS (20,21).
Besonders geschützt
werden durch Anti-Oxidantien müßen empfindliche Zellstrukturen
wie die Phospholipidmembran, Organellen im Zytosol und DNA/RNA . Schätzungen
gehen davon aus, daß ein Mitochondrium allein durch die notwendige
Sauerstoffverarbeitung pro Tag
etwa 30 Millionen (!) Freie Radikale bildet.
Für den Menschen werden gleichfalls pro Tag etwa 10.000 oxidative
DNA-Schäden angenommen, die natürlich sofort „reparariert“
werden müßen, was allerdings nur bei einer ausreichenden
täglichen Aufnahme an Mikronährstoffen und Anti-Oxidantien
möglich ist.
Hinsichtlich des tatsächlichen
menschlichen Bedarfs an Mikronährstoffen muß festgehalten
werden, daß keine exakten wissenschaftlich fundierten Zahlen über
eine optimale Dosierung existieren. Es liegen lediglich Angaben vor,
bei denen der Mensch während einer absehbaren Zeit nicht offenkundig
erkrankt. Demzufolge sind alle Beschwörungen einer „ausreichenden
Versorgung“ in das Land der Spekulation zu verweisen! Genauso
wie die Aussage, man könne mit einer „ausgewogenen“
Ernährung den täglichen Bedarf an Mikronährstoffen decken!
Solche Aussagen beruhen meist auf Berechnungen und Schätzungen
und weniger auf objektiven Blutanalysen. Sie sind also theoretischer
Natur und somit nicht geeignet, die komplexen biochemischen Abläufe
und Wechselwirkungen im menschlichen Organismus auch nur annähernd
zu erfassen.
Ähnlich sind auch die „Empfehlungen“ in diversen diversen
Büchern sowie auch jene der DGE und RDA betreffend die täglichen
Aufnahme von Mikronährstoffen zu sehen. Wichtige Faktoren wie etwa
die Umweltbelastungen bleiben bei solchen „Empfehlungen“
weitgehend unbeachtet!
Allein durch exakte Laboranalysen läßt sich der tatsächliche
Bedarf an Mikronährstoffen und Anti-Oxidantien ausreichend genau
beurteilen. Jeder Mensch ist, was seinen täglichen Bedarf an Mikronährstoffen
betrifft, einzigartig, ähnlich seinem genetisch determinierten
Fingerabdruck.
Es steht außer Diskussion, daß es aber nach wie vor grundlegend
ist, durch eine gesunde Ernährung eine möglichst große
Menge an Anti-Oxidantien sowie anderer essentieller Mikronährstoffe
aufzunehmen.
Fragen nach den Ernährungsgewohnheiten sind somit bei der Anamnese
obligat!
• Eine Untersuchung
der Justus-Liebig-Universität in Gießen hat gezeigt, dass
Obst und Gemüse heute erheblich weniger Mikronährstoffe enthalten
als noch vor 30 Jahren. Fast täglich werden neue Zahlen über
Schadstoffbelastungen in Lebensmitteln veröffentlicht. Das sind
Fakten, die heute niemand mehr ernsthaft bestreitet.
• Die Umweltverschmutzung auf jeder nur erdenklichen Ebene wird
gleichfalls nicht bestritten, allenfalls bagatellisiert. Ob Auspuffgase
in der Luft, Pestizide in Gemüsen, radioaktive Strahlung in Pilzen
oder Blei in der Muttermilch, der Kreislauf von Xenobiotika über
die Nahrungskette hat sich schon längst geschlossen!
• Streß ist sowieso ein Dauerthema in unserer hektischen
Gesellschaft. Ob am Arbeitsplatz, in der Schule, im Verkehr bis hin
zu übersteigerten sportlichen Aktivitäten am Wochenende –
es zählt nur Leistung, und die fordert eben ihren (oxidativen)
Tribut.
Diese drei Faktoren verschonen niemanden! Ihnen allen ist gemeinsam,
dass sie den Oxidativen Stress im Organismus in die Höhe schrauben.
Gleichzeitig ist das Angebot natürlicher Anti-Oxidantien gesunken.
Dennoch werden (selbsternannte) „Experten“ – und mit
ihnen viele Medien – nicht müde zu behaupten, dass alles
in Ordnung sei und kein Anlaß zur Besorgnis bestehe. Wenn man
zum Beispiel die allgemeine und immer früher einsetzende Arteriosklerose
oder die Zunahme des Alzheimer-Syndroms lediglich statistisch erfasst,
dann kann man daraus eine „normale“ Risikoverteilung basteln.
Eigene, konsequent durchgeführte
Laboranalysen im Blut und Harn zeigen Mikronährstoff-Defizite ,
sowohl bei gesunden wie auch kranken Menschen. Das Ausmaß der
Defizite reicht von latent bis hin zu ausgeprägten Mangelzuständen!
Bei den Vitaminen sind dies insbesonders Riboflavin (B2), Niacin (B3),
Pyridoxin und Pyridoxal-5-phospat (B6), Cyanocobalamin (B12), Panthotensäure,
Folsäure, Ascorbinsäure (C ) und Biotin (H), während
bei den Mineralstoffen und Spurenelementen vor allem Magnesium, Kalium,
Calcium, Zink, Cobalt, Chrom, Nickel, Mangan, Selen und Molybdän
betroffen sind. Ob ein intrazellulär erniedrigter Wert für
Eisen und Kupfer Ausdruck eines echten Mangels, eine Resorptionsstörung
durch toxische Schwermetalle oder aber vielmehr ein physiologischer
Schutzmechanismus der Zelle vor Eisenüberladung ist, kann zum jetzigen
Zeitpunkt nicht entschieden werden.
In engen Zusammenhang mit Defiziten an Mikronährstoffen müssen
Defizite in der Detoxifikation gesehen werden. Sie betreffen die Phase
I und II auf Cytochrom- und Glutathionebene (Leber) sowie die NAT 2.
Erhöhte Werte für die XO korrelieren mit der aktuellen Schadstoffbelastung
im Organismus.
Deutliche Belastungen, in unterschiedlichem Ausmaß, finden sich
bei den Analysen insbesondere bei den toxischen Schwermetallen Blei,
Cadmium, Quecksilber, Thallium, Arsen, Zinn und Platin. Platinemittenten
sind zum Beispiel Autokatalysatoren, Platin wirkt unter anderem immuntoxisch.
Bei der Kryptopyrrolurie
(KPU) handelt sich um keine Krankheit, sondern um einen an sich harmlosen
Stoffwechselnebenweg. Pyrrole sind Bausteine des Häms und werden
normalerweise nicht frei im Urin, sondern in Gallenfarbstoffen zu viert
aneinander gebunden mit dem Stuhl ausgeschieden. In freier Form haben
sie eine chemische Affinität zu Pyridoxal-5-phosphat, der aktiven
Form des Vit. B6, und bilden damit einen Zink-chelierenden Komplex,
der mit dem Urin ausgeschieden wird. Beim Nachweis einer KPU bedeutet
dies somit dauernde Verluste von B6 und Zink in den Harn. Damit wird
bei Chemikalienbelastungen durch leicht- und schwerflüchtige Schadstoffe
die KPU als Krankheitsbegünstiger bedeutsam, da für Entgiftungsreaktionen
der Organismus verstärkt Vitamin B6 und Zink benötigt. Durch
derartige Schadstoffbelastungen demaskiert sich die KPU und zeigt sich
in zahlreichen Multiorganbeschwerden. Die Pyrrolurie oder Malvaria,
ist eine der interessantesten genetotrophischen, also genetisch bedingten
und nutriologisch beeinflussbaren, Besonderheiten, die zu einer kombinierten
Abhängigkeit von Vit. B6 und Zink führt.
Die Entdeckung von Kryptopyrrol
war das Ergebnis einer gezielten Suche nach einer Substanz, die die
Schizophrenie erklären kann. 1959 fand Payza im Papierchromatogramm
an der Stelle des Bufotenins einen malvenfarbenen Fleck, den man „Mauve-Faktor“
nannte. 1961 wurde dieser Fleck von Irvine auch bei Patienten mit Schizophrenien
gefunden und die dazugehörende Form der Schizophrenie von Hoffer
und Osmond als „Malvaria“ beschrieben (22, 23,24). Interessanterweise
fand sich der Malvenfaktor auch bei Verwandten der schizophrenen Patienten,
bei 24% der verhaltensgestörten Kinder und bei 7-11% der normalen
Bevölkerung. Die Aufklärung des Malvenfaktors als Kryptopyrrol
(2,4-Dimethyl-3-äthylpyrrol) gelang Irvine aber erst nach Lösung
größerer methodischer Probleme und wurde 1970 von Sohler
et al. bestätigt.
1974 zeigten Pfeiffer und Mitarbeiter im Brain Bio Center (BBC) in Princeton,
USA, dann auch, dass die pyrrolurische Schizophrenie mit hohen Dosen
von Pyridoxin und einem Zink-Supplement sehr erfolgreich behandelt werden
kann (25).
Diese biochemische Besonderheit ist somit seit über 40 Jahren bekannt
und auch publiziert!
Die Pyrrolurie ist weit verbreitet
und führt aufgrund des kombinierten Mangels zu vielen spezifischen,
oft leicht zu behandelnden Störungen.
Durch die chronischen Vitamin B6- und Zinkdefizite, die im Laufe des
Lebens zunehmen, können Störungen auf folgenden Ebenen auftreten:
1. Störungen im Aminstoffwechsel:
Hier werden Neurotransmitter (Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, Gamma-Aminobuttersäure)
beeinflußt, so daß Hirnfunktionsstörungen mit Einschränkung
der Gedächtnisleistungen, der Aktivität, des Antriebes bis
hin zu ”psychiatrischen” Symptomen (ähnlich einer Schizophrenie
oder Depression) auftreten können.
Besonders typisch für die KPU sind das fehlende Erinnerungsvermögen
an Träume (“ich träume jetzt weniger als früher“),
ein schlechtes akustisches Namensgedächtnis sowie eine Stressintoleranz.
Diese kann soweit führen, dass Menschen mit Pyrrolurie unter Stress
tatsächlich mit großen Ängsten verbundene Zustände
erleben, was durchaus zu einer Einweisung in eine psychiatrische Anstalt
führen kann!
Schätzungsweise 9 Millionen Menschen im deutschsprachigen Raum
sind pyrrolurisch. Bei etwa 300000 von ihnen kommt es in ihrem Leben
aufgrund der Defizite zu einer behandlungswürdigen Psychose. Der
auch nutriologisch denkende Arzt findet dann in einer solcherart entstanden
Psychose eine ungewöhnlich dankbare therapeutische Aufgabe!
2. Auch periphere Amine werden
im Abbau gestört. Zum Beispiel kann Histamin nicht zeitgerecht
abgebaut werden. Es treten zahlreiche (pseudo)allergische Reaktionen
auf, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, und Intoleranzen.
3. B6 ist für die Eiweißbildung
notwendig, damit auch für die Antikörperbildung. Chronische
Defizite führen folglich häufig zu Immunschwächen, rezidivierenden
Infekten, Infektionen und dergleichen.
4. Chronische Zinkdefizite
begünstigen Hauterkrankungen, die sich in Ausschlägen, Ekzemneigungen,
Sonnenlichtunverträglichkeiten, Entzündungsbereitschaft, Hautirritationen,
Xerodermie usw. ausdrückt.
Ein häufiges und leicht erkennbares Zeichen eines Zinkmangels ist
die Leukonychie, kleinere oder größere weiße Flecken
auf den Fingernägeln, weißliche opaque Nägel sowie weiße
Querstreifen (26). Weitere Zeichen eines Zinkmangels können sein
brüchige Nägel und Haarausfall. Im Rahmen der Immunleistungen
führt Zink-Defizit zu einer reduzierten Infektabwehr mit chronisch-rezidivierenden
Infekten.
5. B6 ist notwendig zur Neubildung
von Glutathion, der für den Menschen wichtigsten intrazellulären
Entgiftungssubstanz. Chronische B6-Defizite führen häufig
zu Glutathionmangelzuständen und damit zu einer geringeren Entgiftungskapazität
des Organismus. Als Folge zeigt sich eine höhere Empfindlichkeit
gegenüber Reinigungs-, Lösungsmitteln, Schadstoffausgasungen
in die Raumluft als auch viele weiteren Stoffen aus dem häuslichen
und beruflichen Umfeld.
6. Von Vit. B6 und auch Zink
sind je etwa 200 Enzyme abhängig. Defizite führen somit zu
Funktionseinschränkungen bis zum –ausfall der jeweiligen
Enzyme mit entsprechenden Folgen. Wundheilungsstörungen, Haut-
und Haarprobleme sowie Rücken- und Gelenksschmerzen bei Zinkmangel
haben ihre Ursache unter anderem in einer verminderten Funktion von
Zink-Metalloenzymen, die ihrerseits wiederum für den Aufbau von
kollagenen und elastischen Fasern notwendig sind.
Abgesehen von den häufigen
persönlichen und pädagogischen Problemen und den somatischen
und psychiatrischen Gefährdungen, die mit dem kombinierten Mangel
an Vitamin B6 und Zink gebunden sind, kann die Pyrrolurie über
eine spezifische Störung des auditiven Kurzzeitgedächtnisses
zu einer defektbedingten Sonderbegabung führen. Diese hängt
damit zusammen, dass Menschen mit Pyrrolurie sich von dem, was sie hören,
nur das merken können, was sie verstehen. Somit könnte die
Kryptopyrrolurie eine biochemische Erklärung für das Phänomen
„Genie und Wahnsinn“ sein!
Die Therapie von Symptomen
und Krankheiten, die auf dem Boden einer KPU entstanden sind, besteht
somit in erster Linie in der Gabe von Vitamin B6 (Pyridoxin und/oder
Pyridoxal-5-Phosphat) und Zink! Dabei muß unter anderem beachtet
werden, dass bei der Umwandlung von Pyridoxin in Pyridoxal-5-phosphat
die Cofaktoren dieser Umwandlung, Riboflavin und Magnesium, erforderlich
sind. Hohe Dosen von Zink über längere Zeit müssen mit
Mangan flankiert werden. Patienten mit Epilepsien sollten vor Zinkbehandlungen
erst einen Monat Mangan erhalten (27). Höhere Zink-Dosierungen
über längere Zeiträume könen zu einem Absinken des
HDL-Cholesterins und zu einem sekundären Kupfermangel führen.
Obschon beim orthomolekularmedizinische
Konzept der Pyrrolurie noch einige Fragen offen sind, so bietet es dennoch
zusätzliche diagnostische und therapeutische Optionen bei vielen
Krankheiten (28). Eigene Erfahrungen bestätigen dies.
Allgemein zu wenig beachtet
wird, daß es sich bei den Mikronährstoffen um biochemisch
hochwirksame Substanzen handelt, die bei Überdosierung bzw. falscher
Indikation genauso schaden können!
Mikronährstoffe können, unter bestimmten Voraussetzungen,
sogar zum Wachstum von Tumoren beitragen. So gibt es zum Beispiel Tumore,
die Anti-Oxidantien wie Vitamin E speichern. Hohe Glutathiongehalte,
Entgiftungsenzyme sowie zusätzliche Faktoren steigern somit die
Resistenz solcher Tumorzellen (Melanom, Pankreaskarzinom, bestimmte
Leberzellkarzinome) gegenüber Radikalangriffen. Die Tumorzellen
verleiben sich also Anti-Oxidantien zu ihrem eigenen Schutz ein, sind
dann durch radikalbildende Therapien wie Chemo- und Strahlentherapie,
Überhitzung und Sauerstoffbehandlung kaum bzw. nicht angreifbar!
Eine breit gefächerte Gabe von Anti-Oxidantien wäre somit
sinnlos, sie würde eher dem Tumor nützen! Bei einem gezielten
Einsatz einzelner Anti-Oxidantien nach vorherigen Laboranalysen ändert
sich das Bild jedoch wieder. Eine Forschergruppe der Universität
Tokio wies dies zum Beispiel mit Selen nach. Es steigerte die Verträglichkeit
der sehr agressiven Platintherapeutika (weniger Nebenwirkungen) und
erhöhte gleichzeitig deren Wirkung auf Tumore.
Diese Wirkungen dürften auf zwei Besonderheiten beruhen. Selenit
wirkt als Redoxsubstanz, d.h. es kann sowohl oxidieren wie auch reduzieren.
Die dabei entstehenden Zwischenprodukte wirken tumorhemmend. Sie senken
weiters den Glutathiongehalt der Krebszellen und schwächen somit
diese gegenüber radikalbildenden Therapieformen. Selenit erhöht
somit die Effektivität dieser Therapien und schützt gleichzeitig
das gesunde Gewebe im Körper (29).
Selen steigert weiters die Aktivität von T-Lymphozyten und macht
sie zu Killerzellen, die gleichfalls den Tumor angreifen. Es hemmt weiters
die Signalübertragung und somit unkontrolliertes Wachstum.
Ähnliche Wirkungen bei gezieltem Einsatz konnte auch mit anderen
Anti-Oxidantien erreicht werden. Zum Beispiel mit Alpha-Liponsäure
beim Melanom und mit Beta-Carotin bei beginnenden Tumoren im Rachenraum.
Die Gabe von Anti-Oxidantien, aber auch anderer Mikronährstoffe,
muß insbesondere beim Krebspatienten mit großer Vorsicht
erfolgen.
Eine allgemeine Empfehlung gibt und wird es nicht geben! Der individuelle
Bedarf, der sich nach Laboranalysen, Tumorart, Erfahrung und anderen
Faktoren orientiert, muß die Therapie mit Anti-Oxidantien bestimmen.
Auch müßen biochemische und biophysikalische Eigenschaften
der Tumorzellen berücksichtigt werden.
Durch Gabe von Anti-Oxidantien
zum gezielten Schutz von gesunden Zellen während Chemo- sowie Strahlentherapie
könnten jedenfalls die oft gravierenden Nebenwirkungen reduziert
und somit für den Patienten erträglicher gemacht werden (30).
Die therapeutische und vor
allem auch präventive Wirksamkeit von Anti-Oxidantien, Mikronährstoffen
sowie Pflanzeninhaltsstoffen ist inzwischen für viele Krankheiten
belegt.
Entsprechende Publikationen und Studienergebnisse müßen beachtet
werden und in die tägliche Arbeit einfließen!
PubMed, eine der größten
medizinischen Datenbanken der Welt, zeigt zum Beispiel bei den keywords
„antioxidants and cancer“ derzeit 4545 Eintrage, bei „glutathione
and cancer“ 5572, bei „selenium and cancer“ 1867 und
bei „coenzyme Q10 and heart“ 336 Eintrage. PubMed ist eine
gemeinsame Einrichtung des amerikanischen National Center for Biotechnology
Information NCBI, des National Library Of Medicine NLM sowie des National
Institute of Health NIH. Der Zugang ist frei unter
www.ncbi.nlm.nih.gov (è link PubMed)
In dieser Datenbank sind über 11 Millionen Publikationen und Studien
aus der Medizin (MEDLINE, PreMEDLINE ) sowie angrenzender Fachgebiete
erfaßt.
Coenzym Q 10 (Ubichinon)
ist eine vitaminähnliche Substanz, es wird allerdings, im Unterschied
zu den Vitaminen, im Körper aus Phenylalanin oder Tyrosin aufgebaut.
Ubichinone existieren in Variationen von Q1 bis Q10, wobei höhere
Lebewesen auf die höherwertigen Formen angewiesen sind. Der Mensch
braucht für seinen Stoffwechsel das Coenzym Q10. Er ist aber in
der Lage, niedrigwertige Formen in Q10 umzuwandeln. Die zentrale Bedeutung
des CoQ10 liegt in der Energiegewinnung (ATP), dabei werden in der Atmungskette
der Mitochondrien Elektronen über Cytochrome auf molekularen Sauerstoff
übertragen. Es entsteht letztlich Wasser CO2 und vor allem biochemsiche
Energie in Form von ATP. 95% unserer energieliefernden Stoffwechselprozesse
sind auf die Gegenwart von CoQ10 angewiesen! Der Gesamtbestand des Menschen
an CoQ10 beträgt etwa 0,5 bis 1,5 g, dies entspricht mengenmäßig
dem Gesamtbestand an Vitamin C. Besonders der Herzmuskel ist auf eine
ausreichende Versorgung angewiesen. Sinkt die CoQ 10-Konzentration im
Herzen unter 75% des Normalwertes, dann treten erste Leistungsstörugen
auf, es kommt insbesondere zu Herzinsuffizienz, Ischämie, höheres
Infarktrisiko und Hypertonie. Überraschen ist das Ausmaß
des Mangels. Praktisch jeder Mensch über 40 leidet an einem Mangel
an hochwertigem Q10, die Ursache dafür ist noch ungeklärt.
Auch hier gilt, was für alle Nährstoffe zutrifft: Könnte
der Mensch seinen wirklichen Bedarf aus der Nahrung decken, dann wären
Defizite und die daraus resultierenden Krankheiten kein Thema. Das mit
den Jahren abnehmende Umwandlungsvermögen kann mit einer „ausgewogenen“
Ernährung nicht mehr ausgeglichen werden.
Coenzym Q10 kann eingesetzt werden bei Angina pectoris, Herzinsuffizienz,
Herzrhythmusstörungen und nach Herzinfarkten. CoQ10 besitzt in
den dabei verwendeten Dosierungen (30 – 100mg/d) praktisch keine
Nebenwirkungen (31,32,33,34,35,36).
Die Gabe von Coenzym Q10 kann weiters auch zur Gewichtsreduktion eingesetzt
werden.
Dokumentiert ist auch die
präventive (primäre, sekundäre) Wirksamkeit der Mikronährstoffe.
So konnte eine israelische Arbeit zeigen, daß die Gabe von hochdosiertem
Vitamin E (800 mg/d) gefäßprotektiv bei Dialysepatienten
wirkt und damit deren kardiovaskuläre Morbidität signifikant
senkt (37,38). Hirvonen et. al fanden bei 26593 männlichen Rauchern
im Alter zwischen 50 und 69 Jahren, daß die Aufnahme von Beta-Carotin
mit der Nahrung invers mit dem Risiko für apoplektische Insulte
korreliert (39). L-5-Hydroxy-Tryptophan 5-HTP (Prekursor des Serotonins)
besitzt schmerzmodulierende Eigenschaften, Vitamin B2 (Riboflavin) hat
sich als wirksam in der Prophylaxe von Migraine-Anfällen erwiesen
(40,41).
Eine Studie aus England ergab, daß durch eine Vitamin E - reiche
Ernährung Allergien vorgebeugt werden kann. Pro Milligramm Anstieg
der täglichen Vitamin E- Aufnahme nahmen die IgE-Spiegel um 5,2%
ab (42). Reich an Vitamin E sind vor allem Vollkornprodukte, Haselnüsse
sowie Weizenkeim- und Leinöl. Eine Supplementierung mit einer Kombination
aus Alpha- und Gamma-Tocopherol ist erfolgversprechend in der Prävention
von Prostatakrebs, wobei diese Wirkung möglicherweise durch Selen
noch gesteigert werden kann (43). Europäische Mikronährstoffpräparate
enthalten meist Alpha-Tocopherol als Vitamin E.
Die Kosten für Mikronährstoffe
müssen bei uns vom Patienten getragen werden. Bemerkenswert ist
deshalb, dass das niederländische Parlament im Sommer des vergangenen
Jahres ein Gesetz verabschiedet hat, wonach die Krankenkassen angehalten
werden, die Kosten für Vitamine und andere Mikronährstoffe,
verabreicht auf Empfehlung eines Arztes, zu 100% zu übernehmen!
Dieses Gesetz wurde folgendermaßen begründet: Erkrankungen
mit natürlichen Vitaminprodukten zu behandeln ist im Vergleich
günstiger als der Einsatz von meist teuren und mit Nebenwirkungen
behafteten Medikamenten.
In einer Studie, die an 86
neurologischen Ambulanzen in Europa und Kanada durchgeführt wurde,
zeigte Galantamin, ein Alkaloid aus dem Schneeglöckchen, eine deutliche
Wirksamkeit bei Patienten mit Mb. Alzheimer in bezug auf Demenz bzw.
Gedächtnisfunktion. Dabei spielte bemerkenswerterweise der Genotyp
für Apolipoprotein E keine Rolle. Die Progredienz der Erkrankung
kann allerdings durch Galantamin nicht gestoppt werden (44).
Elektrolyte, Spurenelemente und Anti-Oxidantien dürften auch bei
neurootologischen Erkrankungen eine Rolle spielen (45). Gingko biloba
hat positive Effekte bei Hörverlust bzw. Taubheit und Tinnitus,
auch Melatonin kann in der Therapie des Tinnitus eingesetzt werden (46,47,48,49).
Beide besitzen bekanntermaßen auch anti-oxidative Eigenschaften,
besonders Melatonin ist ein stark wirksames Anti-Oxidans. Auch hier
ist allerdings vor einer Gabe die Analyse des Melatonins im Harn empfehlenswert,
da es, wie alle Redoxsubstanzen, auch prooxidativ und somit schädigend
sein kann. Überdosierungen müßen also unbedingt vermieden
werden!
Überhaupt ist die Vorstellung, „je stärker anti-oxidativ
wirksam, um so besser“, genauso falsch wie die Vorstellung, „je
höher dosiert, um so besser“. Eine solcherart durchgeführte
„Therapie“ ist abzulehnen und geradezu gefährlich!
Nur exakte Laboranalysen schaffen Klarheit und sind somit die Grundlage
für die Gabe von Anti-Oxidantien und anderer Mikronährstoffe.
Zu Sorge Anlaß geben muß deshalb auch die unter Laien weit
verbreitete „Selbstmedikation“ mit Vitaminen, Spurenelementen,
Pflanzenextrakten, usw. auf „Empfehlung“ von Freunden, Bekannten
oder der Werbung.
Nicht alles, was jedoch aus
der Natur kommt, ist unbedenklich bzw. ungefährlich! Das hat sich
am Beispiel der „Teekatastrophe“ wieder einmal bewahrheitet.
In Belgien wurde dabei ein chinesischer Abmagerungstee eingenommen,
der offensichtlich statt der harmlosen Pflanze Stephania tetandra die
nephrotoxische und carcinogene Pflanze Aristolochia Fangchi enthielt.
Die Folgen waren fatal: 105 Fälle von Nephropathien, verursacht
durch diesen chinesischen Tee, wurden erfaßt. 31 Patienten mußten
deswegen bereits nierentransplantiert werden. Bei 39 Patienten, die
prophylaktisch nephrektomiert wurden, hatte bereits die Hälfte
Nierencarcinome (50)! Die „Teekatastrophe“ ist ein Lehrbeispiel
für eine obsolete „Naturheilkunde“ mit exotischen Präparaten
und anderen „Wundermitteln“, Patienten müßen
davor ausdrücklich gewarnt werden!
Der Anti-Oxidantien-Status
bzw. das Oxidative Stress-Profil sollte heute bei jedem Patienten routinemäßig
analysiert werden (Tab.7).
• Vitamine B6, B2,
C, E, A, Beta-Karotin, CoQ 10, Selen, Zink, Magnesium
• Methionin, Cystein, S-Adenosyl-Methionin SAM, Alpha-Liponsäure,
Taurin
• Glutathion GSH (Ery, NK-Zellen, T-Lymphozyten, Monozyten), Quotient
GSSG:GSH
• Glutathion-S-Transferase GST m, p, a, J, Glutathionperoxidase
GPx, Glutathionreduktase GR, Superoxiddismutase SOD, Catalase CAT
• Malondialdehyd MDA, Hydroxynonenale HNE, 8-OH-deoxy-Guanosin
8-OH-DG
• Lipidperoxide LPOX
• Gesamt-Anti-Oxidantien-Status TAS
• Melatonin
• Spermin, Spermidin, Substanz P, Homocystein, Kryptopyrrol (Harn)
• w3- und w6 – Fettsäuren
• Eisenstatus, Kupfer, Chrom
Tab. 7 Labordiagnostik Anti-Oxidantien/Oxidativer Stress
Die Polyamine Spermin und Spermidin sind kleine organische Kationen
und entstehen aus Putrescin durch Alkylierung mit einer (Spermidin)
oder zwei (Spermin) Aminopropyl-Gruppen. Polyamine sind für ein
eukaryiotisches Zellwachstum absolut notwendig! Spermin wird normalerweise
in millimolaren Konzentrationen im Zellkern gefunden, es fungiert dort
auch als ein wichtiges Anti-Oxidans und schützt so die DNA vor
den Attacken durch Freie Radikale (51).
Das Wissen um die klinische
Bedeutung von Anti-Oxidantien ist nicht neu! Bereits 1986 fanden Cooper
et al., daß Carnitin zwar nicht leistungssteigernd wirkt, aber
zu einer vermehrten Produktion von L-Acetyl-Carnitin führt. Weiters
wurde festgestellt, daß beim Marathonläufer der Gehalt an
oxidiertem Glutathion GSSG in der Muskulatur um 189% ansteigt (52).
1990 konnten Duthie et. al. zeigen, daß durch Laufen der Anti-Oxidantien-Status
im Erythrozyten beeinflußt wird (53).
Rockitzki et. al. wiesen 1994 auf die Problematik des Oxidativen Stress
beim Sportler hin, was angesichts des hohen Umsatzes an Sauerstoff auch
nicht verwunderlich ist. Sie beobachteten weiters, daß durch Gabe
eines anti-oxidativen Vitamin-Supplements der CK-Anstieg bei Ausdauersportlern
geringer ist (54).
Mikronährstoffe und Anti-Oxidantien sind in der Sportmedizin zum
einen protektiv gegen Zellschädigungen durch ROS, zum anderen verhelfen
Sie bei gezieltem Einsatz zu einer physiologischen Leistungssteigerung
und zur Verkürzung der Regenerationszeiten.
Ausdauerleistung und intrazelluläres Glutathion GSH dürften
sehr eng zusammenhängen (55,56,57).
Periphere Nerven und das
ZNS sind besonders empfindlich gegenüber oxidativen Schädigungen.
Das liegt daran, daß das Nervengewebe besonders reich an leicht
oxidierbaren ungesättigten Fettsäuren ist, während der
Gehalt an Anti-Oxidantien, vor allem anti-oxidativen Enzymen, relativ
gering ist.
Zeichen einer Xenobiotika-induzierten peripheren Neuropathie können
sein eine gestörte Diskrimination (Stimmgabel!), „restless
legs“, Paraesthesien an Händen und Füßen oder
Faszikulationen und Fibrillieren der Muskulatur. Symptome einer toxischen
Encephalopathie können etwa sein Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen,
Gangunsicherheiten beim Stiegensteigen, verstärkte Lärmempfindlichkeit.
Oft ist dabei auch der Hirnstamm betroffen, der Patient klagt zum Beispiel
über eine verstärkte Lärmempfindlichkeit.
Bei neurodegenerativen Erkrankungen, die oft als rein genetisch bedingt
hingenommen werden, dürften Umweltschadstoffe in der Pathogenese
eine wichtige Rolle spielen. So scheinen kohlenwasserstoffhaltige Lösemittel
in einem engem Zusamenhang mit Mb. Parkinson zu stehen(58).
Bei der Multiplen Sklerose
und der Adrenoleukodystrophie ALD, zwei besonders heimtückische,
demyelinisierende Erkrankungen des ZNS, liegt in der Gabe von Anti-Oxidantien
und weiterer Mikronährstoffe, insbesondere Fettsäuren, ein
ermutigender Therapieansatz („Lorenzos Öl“) (59,60,61,62,63,64,65,66).
Fettsäuren, insbesondere jene der w3- und w6-Reihe, können
von Speziallabors im Blut analysiert werden!
• Die Gabe von Anti-Oxidantien
und anderen Mikro- und Makronährstoffen, auch als Orthomolekulare
bzw. Angewandte Nährstoffmedizin bezeichnet, ist eine sinnvolle
komplementärmedizinische Behandlung zur Therapie und Prävention
von Krankheiten, als Ergänzung zu etablierten und bewährten
schulmedizinischen Behandlungsmethoden
• Unabdingbare Voraussetzungen sind genaue Kenntnisse der biochemischen
Zusammenhänge sowie exakte Laboranalysen
• Für den Therapieerfolg entscheidend ist immer die individuell
optimale Kombination mit qualitativ hochwertigen Präparaten
• Der Therapie mit Mikronährstoffen und Pflanzeninhaltsstoffen
ist vor allem immer dann der Vorzug zu geben, wenn sie, im Vergleich
mit chemischen Arzneimitteln, eine praktisch nebenwirkungsfreie Alternative
darstellen
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